Yucatan – bevor alles anders kommt

Lesezeit: 8 Minuten

Mit Niki sass Fabi schon im Sandkasten, jetzt entdecken wir alle zusammen die Yucatan Halbinsel. Es ist März 2020 und Niki erwischt den letzten Flieger aus Deutschland bevor das Coronavirus jegliche Grenzen dicht macht. Da freut er sich noch…


Mit Sack und Pack 

„Wenn die Polizei uns kontrolliert, musst Du reden, Fabi“, rufe ich aus der Waagerechten des Chaos nach vorn. „Ok!“, kommt von weit weg zurück. Emma, unser Reisemobil ist pickepackevoll. Schon zu zweit ist es eng auf drei Quadratmetern, jetzt kann es fast nicht mehr kuscheliger werden. 

Bestandsaufnahme: Drei Personen, Hund, Koffer, Zelt, Schlafsack, Isomatte und Gitarre im Hardcase. Ach ja und unsere normale Ausrüstung natürlich. Denn Fabi und ich leben aktuell in unserem ausgebauten Landcruiser

Die zwei fahren legal und luxuriös vorn. Ich hinten in der Holzklasse, Liegendtransport. Dafür mit Hund. Immerhin kommt man von hier aus an den Kühlschrank.

Wir sind voller Ideen und Tatendrang. Für Niki soll es das lang ersehnte Rauskommen werden: Mal keinen konkreten Plan haben, einfach mal machen, vielleicht sogar loslassen können. Wir freuen uns über neuen Input, auf alte Geschichten erzählen und neue erleben. So zuckeln wir zur Musik über Landstrassen, weg von Cancún, rein ins Abenteuer Roadtrip. 

Krokodil im Kopf 

Der Mexikaner mit dem dicksten Bauch ist der Chef. Freundlich begrüsst er uns an seinem Restaurant am Rio Lagartos, wo wir nächtigen werden. Zumindest werden wir es versuchen, aber der Reihe nach. 



Für ein Ceviche können wir umsonst hier stehen, Niki im Zelt nebendran. Der Ort ist auf morbide Art schön, und überall ist Wasser! Die Stege sind marode, auch die kleine Palapa (spanisch: offene Hütte mit Palmdach) an deren Ende ist etwas in die Jahre gekommen. Alles knarzt und knackt, wer Pech hat kracht hier mal ein. „Dann freut sich das örtliche Krokodil“, lacht der Chef. „Krokodil?“, fragt Niki mit grossen Augen. Gedanklich spielt sich in seinen Augen für den Aussenstehenden jetzt ein nächtliches Horroszenario mit Krokodilbesuch im Zelt ab. Der Mexikaner lacht sich kaputt, dass der Bauch tanzt. Schliesslich wird klar, dass das Krokodil sehr klein und niemals im Bereich der (eher provisorischen) Zeltarea anzutreffen ist. „Ojalá!“ (spanisch: hoffen wir es!), rufe ich ihm zu, er zwinkert nur und ist weg. 

Ehrensache

Herrlich kühl läuft das Bier den Rachen runter, während wir der Sonne zuschauen wie sie ins Wasser fällt. Grad sind wir so richtig im Gesprächsflow, da fängt es an. Gnadenlos donnert mexikanische Musik aus Mülltonnen-grossen Lautsprecherboxen. Sie kommt von überall her, stets monoton, aber dafür laufen gleich mehrere Lieder zur selben Zeit. 

„Boah, geht mir das auf den Sack!“, hören wir Niki nachts im Zelt fluchen. Ich liege oben im Klappdach, mein Brustbein vibriert sekündlich mit dem Bass. Ich muss schmunzeln und denke: “Kulturschock.” Denn wir sind bereits lang genug in México um zu wissen, dass sogar jede Apotheke die was auf sich hält eine Mülltonnen-grosse Box vor der Tür hat, mit der sie die Strasse dauerbeschallt. Ist doch wohl logisch. Laute Musik und México, Ehrensache.

Flamingos in Rio Lagartos 

Am nächsten morgen fahren wir im Boot durch die Mangroven. Unser Hundewelpe kommt natürlich auch mit. Und wer sollte unser Kapitän sein, wenn nicht er, der Chef persönlich. Das frühe Aufstehen lohnt sich, magisch wie das beginnende Tageslicht sich in den Wasseradern spiegelt. Und überall Vögel!



Als Highlight steigen wir an den Salzfeldern aus. Nur ein paar Meter entfernt: Freie Flamingos. 

Ich will grad denken wie schön ist…da fetzt Yumi los. Ich male mir Schreckliches in pinken Fetzten aus. Dann ist sie weg. Leichte Unruhe bei Fabi und mir setzt ein. „Yumi!“, rufe ich ärgerlich. Plötzlich rollt etwas auf mich zu. Ich kann es nicht einordnen, es ist als würde der salzige Schaum, der hier überall rumfliegt plötzlich näher kommen. Dann lachen wir uns alle halb tot. „Mensch, Yumi!“, ruft Fabi und versucht aus dem weissen Schaumklumpen wieder einen Hund zu machen. Am Ende hilft nur ein ausgiebiges Bad. Das nehmen wir nach der hautschonenden Touristen-Schlammkur auch. 



Auf der Autofahrt zu bunten Wasserlagunen hängen wir zunehmend an den Handys. Das Coronavirus beherrscht mittlerweile die News, aus Europa kommen traurige Zahlen. Dort scheint das Virus zum Anfassen nah. Ich schaue aus dem Fenster: Flamingos. Das alles wirkt so irreal.

Ek Balam oder Corona, das trinke ich

Beeindruckend die Mayaruinen von Ek Balam! So wild, umgeben vom Dschungel und doch, was die damals schon alles wussten… Kann schon sein. Bloss habe ich es nur bis zum Parkplatz davor geschafft. 

Hunde sind verboten, da nützt kein Diskutieren. Die Männer gehen allein, ich sitze bei 40 Grad im Schatten mit einem hechelnden Welpen unter der Markise. Grad will ich googeln, wie man einen Hitzschlag beim Hund erkennt (Der Internetempfang im Dschungel ist erstaunlich gut), da gesellt sich ein älterer Mann zu mir in den Schatten. Er ist Maya, arbeitet hier als Guide oder so ähnlich.

Ich unterhalte mich mit ihm ein wenig, weil es mir höflich erscheint und dieser Mayaruinen-Parkplatz echt langweilig ist. Keine 5 Minuten später sind wir bereits hier: „Corona, da lachen wir nur ‘drüber. Corona, das trinke ich, und dann tanzen wir.“ Als der Mann dann hinzufügt, dass das alles eine Lüge der Politiker sei und es auch keine Toten gäbe, werde ich ein wenig wütend, vor allem aber müde. Wo soll man da anfangen? Der junge Maya vorm Souvenir-Shop hat mitgehört, er schüttelt verständnislos den Kopf. Das ermutigt mich etwas.

Ob er keine Sorge hätte, dass es México wie Italien ergehen könnte, frage ich den Alten. Das Gesundheitssystem ist schlecht hier, zumindest auf dem Land, das weiss jeder. „Uns Maya kann das nichts anhaben“, antwortet er bestimmt, und ich gebe auf. Als er endlich auf ein Tuktuk mit aufspringen darf, welches ihn über die schlammige Piste zurück in sein Dorf bringt wünsche ich ihm wirklich aus vollem Herzen, dass er Recht behalten wird. 



Die erste Cenote

In Valladolid glampt Niki in einer Cabaña (spanisch: Hütte), wir im rollenden Daheim. Aber zuvor springen wir noch in unsere erste Cenote (Maya: Heilige Quelle). Das ist ein dolinenartiges Kalksteinloch, sprich eine mit Süsswasser gefüllte Höhle meist nach oben hin offen. Es gibt hunderte davon auf der Yucatan Halbinsel. 

Die glitschige Treppe hinab ist in den Fels gehauen. Wir staunen, wie klar das Wasser ist. Dann habe ich schon eine Schwimmweste an, jemand drückt mir das Seil in die Hand. Ok, denke ich, dann mache ich dass jetzt wohl. Und schon fliege ich bestimmt 15 Meter bis zum Höhlenmittelpunkt und lasse los. Wenig später klatscht Fabi neben mir ins Becken, viele kleine Fische stieben auseinander. „Schau mal, wie weit oben der Himmel ist“, japse ich. Der Wasserspiegel auf dem wir schwimmen liegt gefühlt tief unter der der Erde. „Das nächste mal muss ich unbedingt die GoPro mitnehmen“, ruft Fabi begeistert, „Da kommen sicher noch mega coole Cenotes!“ Hätte er sie mal noch geholt…

Und alles kommt anders 

Die Nachrichten überschlagen sich. Rio Lagartos: Geschlossen. Strände und Campingplätze in Yucatan: Dicht. Auf den Strassen: Polizeiposten, die Fieber messen und Fragen stellen. 

Wir beraten uns. Das ist schon zu zweit nicht einfach. Aber zu dritt, mit so unterschiedlichen Ausgangslagen, verdammt schwierig! Unser Freund Niki wollte raus, hat auf diese 2 Wochen hingearbeitet und -geträumt. Will jetzt geniessen was geht und dann ab nach Hause. 

Wir haben keinen gebuchten Rückflug in den sicheren Hafen Europa. Unser mobiles zu Hause steht hier in México, daneben sitzt ein kleiner Hund, der noch nicht fliegen darf. Es gilt nicht einen Kurzurlaub verfrüht abzubrechen, oder eben durchzuziehen. Wir müssen einen sicheren Ort für uns finden um abzuwarten und planen zu können. 

Im Gedankenkarussell

Fahren wir trotzdem nach Tulum zum Traumstrand? Dort sei es gemäss Airbnb Gastgeber „alles total entspannt“. Aber kommen wir da hin? Und wieder weg? In México wird staatlicherseits weniger geredet als gemacht. Dann ist die Autobahn einfach mal gesperrt. Fertig, dein Problem. 

Mit Sorge denken wir an europäische Hamsterkäufe. Kleinere Orte haben hier nicht unendlich grossen Warennachschub. Schnell geht es eher um die Sorge vor sozialen Unruhen als vorm Virus selbst. Wir hören uns um bei anderen Reisenden: Allgemeine Verunsicherung. Von „Ach, das wird schon, wir gehen trotzdem tauchen“ bis „Wir versuchen so schnell wie möglich einen Flug zurück in die Schweiz zu nehmen“ ist alles dabei. Aber soweit sind wir noch nicht. Zu gross der Traum vom Weiterreisen, zu schnell die Welle der Ereignisse. 



And the winner is: Mérida

Wir entscheiden uns zurück in die Grossstadt Mérida zu fahren. Im Airbnb mit grossem Patio für Yumi, Stellplatz für Emma und Pool für uns wollen wir weiter beraten. Enttäuscht sind wir alle, für Niki ist mental jetzt schon Feierabend. Vom Glück den letzten Flug bekommen zu haben ist nicht mehr viel übrig. Den halben Tag hängt er ab jetzt in der Warteschleife von Airlines, immer wieder wird sein Rückflug storniert.

Trotzdem: Wir haben es königlich in Mérida! Die Grosszügigkeit der Räume überfordert Fabi und mich anfangs fast, sind wir doch ans Leben im Auto gewöhnt. Aber schnell geniessen wir den Luxus der wiedererlangenden Sesshaftigkeit, Stichwort eigenes Bad! Mit unseren mexikanisch-spanischen Nachbarinnen schliessen wir schnell Freundschaft. Wir fühlen uns wohl und sind uns selbst genug bei gutem Essen und langen Abenden im Freien. Niki spielt Gitarre für alle, und endlich schreibt er wieder Lieder.  



Flirten in Zeiten von Corona 

„Ich sag es Dir, die Mädels hier sind super komisch“, meint unsere Nachbarin. Niki rollt mit den Augen. Blonder, blauäugiger Typ in México sucht…klar, dass er sich die gewaltigen Resonanzen nicht entgehen lassen will. Stundenlang flirtet er sich digital durch Mérida, aber treffen will ihn keine. Warum? Er kommt aus Deutschland. Korrigiere, Corona-Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt schnellen die deutschen Zahlen bereits hoch, während México bloss eine Hand voll Fälle zählt. Die Seuche kommt also von drüben. 

„Das gibts doch nicht!“, höre ich ihn rufen. Mit dem Handy in der Hand kommt er zu mir. Ich lese: „…werde ich mich gegen eine Aufwandsentschädigung mit Dir treffen, wenn Du das Essen zahlst. Mein Sohn braucht einen Babysitter und ich muss die Anfahrt zahlen.“ „Spinnt die?“, er wirkt ehrlich entsetzt. „Ich habs Dir doch gesagt“, meint unsere Nachbarin später. Gemeinsam drüber lachen hilft ja bekanntlich. 

In Quarantäne

Niki bekommt zwar kein Date mehr aber dafür den (vorerst) letzten Flug nach Deutschland. Er ist erleichtert, wir irgendwie mit. Es fliegt mit ihm auch ein Stück Zweifel. Jetzt gibt es keinen Evakuierungsflug mehr. Es ist April 2020 und wir bleiben erstmal hier: Quarantäne in México. 

Da tragen wir noch keinen Mundschutz, und wissen noch nicht, wie viel und gleichzeitig wenig die kommenden Wochen bringen werden…



Mehr zu Quarantäne a la México liesst Du HIER.

Nächster BeitragRead more articles

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Eva & Thomas

    Hallo Ihr Zwei,
    einige Stationen dieses tollen Berichts durften wir mit Euch verbringen. Sehr authentisch und unterhaltsam geschrieben.
    Wir fragen uns häufig wie es Euch geht und was Ihr plant.

    Liebe Grüsse

    1. littleroadtrip

      Hallo Ihr zwei,

      Danke für das Lob. 🙂

      Uns geht es gut. Dennoch stellt sich zunehmend das feeling Gefangen im Paradis ein… Zwar öffnen wieder zunehmend Läden, aber wirklich Reisen ist unmöglich weiterhin.
      Wir wollen daher auch möglichst bald eine Pause in Europa einlegen- seit 1 Jahr weg von Freunden und Familie…

      Hoffen Ihr habt es auch gut?!
      Liebe Grüße aus Tulum

Schreibe einen Kommentar