Mexiko 2.0 – vom wieder losziehen

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Ich sitze im Flieger und flenne. Gut, dass ich den Fensterplatz habe, da sieht es nicht gleich jeder. Es ist Mitte September im ersten Covid-19 Jahr, und nach 2 Monaten ziemlich sorgenfreien Heimaturlaubes fliegen wir nun wieder nach Mexiko. Unser Abenteuermobil wartet dort, und damit die grosse Frage ob eine Weiterreise möglich ist. Der Abschied fällt diesmal nicht so leicht, auch weil unser Hund, Yumi, bei meiner Familie in Deutschland bleibt.


Im Gedankenkarussel  

Corona-bedingt haben wir einen kurzen Zwischenstopp in Mexico City: Regen klatscht ans Hotelfenster, Fabi schläft im Rhythmus des Jetlag und ich denke, zuletzt waren wir hier mit Yumi. Ich scrolle durchs Handy: Yumi spielend im Hundepark, Yumi wie sie auf der Terrasse in der Sonne liegt, Yumi wie sie schwanz-wedelnd in die Kamera rennt, Yumi, Yumi, Yumi.

Beim letzten mal schien immer die Sonne, denke ich. Und wir hatten alles vor uns: Die Zeit mit unserer Familie (nach über einem Jahr reisen), die Festung Europa. Und jetzt? Ungewissheit.

Zwischendrin bekomme ich den Impuls umzudrehen, ab nach Hause. Aber wo ist das eigentlich? Und wo ist meine Abenteuerlust hin? Und wer sagt, jetzt hätten wir nicht alles vor uns? Corona hat auch unseren Weltreisetraum ordentlich durcheinandergewirbelt. In meinem Buch steht was von einer zerknüllten Zeitung, die der Wind von hier nach dort weht, wie es der Zufall will. „Bescheuert“, sage ich laut zu mir selbst und schmeisse Buch und Handy auf den Backpack in der Ecke aus dem bereits ein Klamottenberg emporragt. Ich denke noch, bestimmt sind es noch keine 20 Uhr, dann schlafe auch ich ein.



Mexikostyle

Den nächsten Tag landen wir in Cancun. Für Trübsal ist es plötzlich einfach zu heiss. Wir finden unser Auto zwischen zig anderen geparkten Träumen wieder. Von Sonne und Tropenregen zerschlissene Planen flattern in Fetzen um Autodächer. Bald ist es ein halbes Jahr her, seit ihre Besitzer hastig das Land verliessen, auf der Flucht vor dem Virus. 

Unmittelbar fühlt es sich noch immer nach Ausnahmezustand an hier in Mexiko, bloss heisst dieser jetzt nueva normalidad (deutsch: neue Normalität). Gesichter in Masken rauschen vorbei. Es gilt eine generelle Maskenpflicht in der Öffentlichkeit. Die Szenerie ähnelt der vor 2 Monaten als wir das Land verliessen: Leere Restaurants, viele verschlossene Geschäfte, Fieber-messende Polizeiposten und Schilder mit der Aufschrift „Eintritt nur für eine Person pro Familie”. Aber wir haben praktische Dinge zu erledigen: Reparatur der Klimaanlage, Ölwechsel und Auto waschen. Da wir in Mexiko sind dauert das 6 Stunden. Das Öl ist da immer noch nicht gewechselt. 



Unter Druck

Irgendwo zwischen U-Turn und Schotterpiste streiten wir uns im nicht kartografierten Bereich über Grundsätzliches. Dabei sind wir eigentlich auf Werkstattsuche. Es reicht wenig in diesen Anfangstagen, und schon heisst es: Du hast.., und ich sage…, aber warum hast Du dann…und so weiter.

Aber jetzt muss der Gasdruckdämpfer montiert werden, zu zweit. Er vereint uns, wir raufen uns zusammen: Ist ja auch alles der Situation geschuldet, ist ja gar nicht so gemeint gewesen…Der Frieden ist brüchig wie im nahen Osten. Ich träume von 10 Stunden Schichten im Spital und weiss, wie gestört das ist. Fabi hat seinen Traumjob bei LinkedIn gesehen. Sind die grossen Ferien vielleicht schon längst vorbei, und wir haben es verpasst? Sind wir mit den Köpfen nicht schon lange anderswo?

Ins tiefe Becken springen

Dann ziehen wir nach Monaten des Stillstandes wieder los. Wir haben uns informiert: Mexiko öffnet sich langsam wieder. Es gilt ein individuelles Ampelsystem für jeden Bundesstaat. Wir stehen auf orange. Ein Katalog liefert detaillierte Informationen dazu was geht und was nicht, zum Beispiel: Strände geöffnet, Hotelgewerbe bis zu 30% erlaubt. Aber was ist mit Campingplätzen? Theorie und Praxis sind in Mexiko oftmals ein ungleiches Paar. Andere Individualreisende? Fehlanzeige. Ob eine Weiterreise ohne Gefährdung anderer oder uns selbst möglich ist und auch noch Freude bereitet? Wir werden es selbst herausfinden müssen…

Isla blanca

Erster Halt ist ein Kitecamp auf der Isla blanca direkt vor Cancun. Gigantische Hotelpaläste fliegen vorbei und wollen so gar nicht zur holprigen Schotterpiste durch den Dschungel passen. Obwohl wir auf einer dünnen Landzunge direkt ins karibische Meer fahren sehen wir nichts, ausser einer dichten grünen Wand aus Pflanzengewirr. 



Nach ein paar Stunden Schlaglochslalom sind wir da. Das Kitecamp ist geschlossen, na toll. Aber der Typ lässt uns netterweise trotzdem auf der Wiese übernachten. Corona kann ausnahmsweise mal nichts dafür, es ist einfach offseason. Dass absolut überhaupt kein Wind weht merken wir dann auch schnell. Die Hitze erschlägt uns. Die Moskitos stürzen sich auf uns wie dieses eine zuckerfrei erzogene Kind auf die Schokotorte beim Kindergeburtstag. „Der Reisefunke will noch nicht so richtig überspringen, oder?“, fragt mich Fabi mitten in der Nacht. Ich liege regungslos unter dem kleinen Taschenventilator, den wir an die Decke geklettet haben und versuche möglichst wenig zu berühren. Es  sind noch immer 35 Grad. „Mh“, sage ich, „vielleicht brauchen wir einfach noch bisschen um wieder reinzukommen?“

Funken

Morgens checke ich die Likes. Auf Instagram sieht es schon wieder nach einem richtig geilen Roadtrip aus. Interessant mal wieder, wie wenig ein Bild wirklich aussagen kann. Und doch baut es mich auf eine Art auf. Heute wird gut, denke ich.

Wenige Kilometer später springen wir in kristallklares karibisches Meer, das wir fast ganz exklusiv für uns haben. Palmen säumen den weissen Sandstrand, an der kleinen Palapa verkaufen sie Bier und Fischtacos. Die wohlig vollen Bäuche schaukeln wir im sanften Wind in bunten Hängematten. Noch eine Kokosnuss? Vielleicht später. Keiner ist hier in Eile. Auch wir lassen uns Zeit. Für uns beide ist es das erste mal Karibik. Ich wühle meine Füsse durch den feinen Sand. 

„Als nächstes fahren wir Schnorcheln mit Schildkröten“, überlege ich sachte schaukelnd vor mich hin. Und langsam, ganz langsam funkt es wieder.

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