Kulturalarm im mexikanischen Hochland

Lesezeit: 7 Minuten

#beforecorona

Ein bisschen wehmütig verlassen wir die Pazifikküste Méxicos. Aber das Kultur-Eldorado des mexikanischen Hochlandes hält Einiges für uns parat: Pyramiden, bunte Häuser, wilde Reiter, Karneval – und immer finden wir auch ‘was zum Baden.


Kein Trinkgeld?

Gut, dann fahren wir mit auf die Polizeiwache“, antworte ich auf spanisch, „kein Problem, wir haben Zeit.“ Der Mann in abgewetzter Polizeiuniform mit seltsam unscharfem Aufnäher darauf schüttelt genervt den Kopf. Wir stehen nur wenige Kilometer von der Touristenhochburg Sayulita entfernt auf dem Seitenstreifen, weil wir angeblich zu schnell über die berüchtigten Topes (Bodenwellen) gefahren sind. Jetzt sollen wir blechen. 

Die Masche: Originaldokumente verlangen, einbehalten und nur gegen Cash wieder retournieren.

Die Tatsache, dass wir keine Gringos (despektierlich für US-Amerikaner) sind und spanisch sprechen, irritiert den Mann. Unsere Fotokopien der verlangten Papiere wendet er unschlüssig zwischen den Händen. Zeit mit uns auf die Wache zu fahren um das Ganze offiziell zu machen hat er keine, klar.

„Ok, aber haben Sie nicht ein kleines Trinkgeld als Entschädigung?“, will er wissen. Wir gucken uns fast amüsiert an, Trinkgeld? Plötzlich parkt ein irgendwie professioneller wirkendendes Polizeiauto vor uns, dann lässt er uns einfach ziehen. Weil er heute einen guten Tag hat, findet er. Wir winken und lächeln und sind schon weg, diesmal ohne Trinkgeld. 

Ade Pazifik, hallo Süsswasser

So ganz können wir uns nie vom Wasser trennen. Nach einem Pitstop (Öl- und Reifenwechsel) in Tepic leiten uns die Serpentinen zur Süsswasser-Perle el Manto. Das ist ein im Dschungel verstecktes Naturbad in einem Canyon mit Wasserfällen und lupenreinem Wasser. Gecampt wird direkt davor. 

Yumi, unser kleiner Hundewelpe, darf nicht mit rein. Aber wie so oft gibt es eine mexikanische Lösung: Die kleine Tochter der Besitzer passt auf. Die ist höchstens 10, ich habe Bedenken, Yumi schnappt noch manchmal so Welpen-Mässig. Aber als das Mädchen von ihrem Pitbull erzählt bin ich still. Mit Eis und einer Tüte Leckerli bewaffnet lassen wir die beiden ein paar Stunden zurück und geniessen glasklares Süsswasser unter Lianen, fast ganz allein.



Karneval in Jalisco

In Jalisco findet man viele Dinge, für die México in der Welt bekannt ist: Tequila, Mariachi-Musik, den Tranchete-Tanz, Karneval und natürlich die reitenden Charros. Kennst Du gar nicht alles? Wir auch nicht anfangs…Also komm mit!

Wir finden beim Städtchen Ezatlán einen friedlichen, top gepflegten Campingplatz. Bonnie, die mexikanische Besitzerin nimmt uns herzlichst auf. Der Busfahrer der Hochzeitsgesellschaft von nebenan bringt uns Essen aus dem Ort mit. Und passt auch schon mal auf Yumi auf, wenn wir die Gegend erkunden. „Ihr kommt gerade richtig, hier ist die ganze Woche Karneval“, meint Bonnie zu uns, „das müsst Ihr unbedingt sehen!“ 

Begeistert schnappen wir die Kamera und spazieren los. Die Gegend ist sicher, auch nachts, und Yumi spielt mit den anderen Hunden auf dem Campingplatz. Was für ein Gefühl der Freiheit! 

In Ezatlán tobt der Karneval in den Strassen. Alles ist noch bunter als sonst, tausende Fähnchen wehen über die kleinen Strassen, die Plaza platzt vor Luftballons und Essenständen. Es duftet herrlich, viele der Gerichte haben wir noch nie gesehen. Durch die Strassen läuft die Karneval-Parade. 

Stolz tanzen junge und alte Frauen zusammen den traditionellen Tanz Jaliscos, den Tranchete. Die bunten Kleider fliegen in Wellen durch die Reihen, ein Meer aus Farben. Ich muss an das Cover meines México-Reiseführers denken. Später fährt eine mexikanische Schönheitskönigin nach der anderen auf der Haube teurer Autos vorbei. Traditionell, hier auch das Rollenbild der Frau. Dann kommen die Kinder. In allen Varianten verkleidet kämpfen sie sich tapfer durch die sonnigen 35 Grad. 



Alle sind auf der Strasse. Für Omas werden kurzerhand Restaurantstühle auf den Bürgersteig gehoben, die Kleinsten hängen in wechselnden Armen unter Tüchern, man grüsst sich, man kennt sich und hat einen grandiosen Familientag zusammen. 

Bald brauchen wir eine Pause, am Tacostand. Hier duftet es nicht nur herrlich, es tönt auch so. Begleitet von Gitarren, Geigen und Trompeten haben die Mariachis begonnen ihre alten Lieder zu singen. Es geht um Liebe und México, oder beides.

Natürlich darf neben Bier und unendlich viel Essen eins nicht fehlen – Tequila. Jalisco ist umgeben von zahllosen blauen Agaven-Felder. Die Stadt Tequila ist nur eine Autostunde entfernt. Wir hatten unser exklusives Tequila-Tasting jedoch schon in Baja California und verzichten daher.

Don’t call it Rodeo!

Wir sitzen im Stadion, edel gekleideten Reiter fetzen durch die Arena. Wildpferde fliehen vergebens, werden mit dem Lasso kunstvoll eingefangen und zugeritten. Stierkampf ist natürlich auch dabei – darauf verzichten lieber. „Rodeo in México“, poste ich beeindruckt bei Instagram. Möööp – kultureller Fauxpass, wie mir ein mexikanischer Freund später schreibt. 

Denn diese Reitkunst heisst Charrería und ist ein mexikanischer Nationalsport. Die Kultur dahinter geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Man nennt die Reiterkönige Charros. Das sind ursprünglich wohlhabende Hacienderos (Ranchbesitzer), die ihr Vieh zu Pferd hüteten. Die Charros sehen auch viel edler aus als Cowboys: Ein breitkrempiger, verzierter Sombrero, enge Hosen mit gestickten Bordüren, reich dekorierte, westenförmige Jacke und spitze Cowboystiefel. 

Fabi knipst bis die Chipkarte der Kamera glüht. Was für ein Spektakel! Wir sind dankbar so in die Kultur eintauchen zu können, ganz ohne andere Touristen. 



Pyramiden von Teuchitlán

Zum ersten Mal besuchen wir eine prähispanische, archäologische Städte in México. Und können den Ort fast nichtmal aussprechen: Los Guachimontones.

Das Volk der Teuchitlan hat hier schon ca. 300 Jahre v. Christus zirkuläre Pyramiden gebaut, deren Sinn bisher keiner wirklich versteht. Mit Gras überwachsen und grösstenteils nicht freigelegt ist vom ehemaligen Glanz aber wenig zu spüren. Man findet diese mysteriösen Rundpyramiden ausschliesslich hier, sagt uns der Film im Besucherzentrum. Übrigens Yumis erste Kino-Erfahrung, sie durfte tatsächlich mit rein. México: Immer für eine Überraschung gut.



Guanajuato – Schönste!

Mitten im mexikanischen Hochland schlängelt sich Emma durch die engen Gassen Guanajuatos. Schon die Anfahrt ist wunderschön: Auf der Panoramica fahren wir bis zu unserem Campground bei einem alten mexikanischen Ehepaar. Im Grunde ist es mehr ein erweiterter Parkplatz, aber mit was für einer Aussicht (siehe Titelbild)!

„Hier müsste man ein paar Monate leben!“, bemerkt Fabi nach einem kurzem Spaziergang entlang der bunten Häuschen im Zentrum der Studentenstadt. Schnell sind wir beide verliebt in die einzigartige Melange aus historisch spanischem Charme und modernem, mexikanischem Leben. Die lokale Kunstszene springt einen aus allen Ecken an. Kleine Cafes, grüne Plazas und verwinkelte Gassen die sogar unterirdisch weitergehen prägen das Stadtbild. Schön wie das berühmte San Miguel de Allende, aber lebendiger, echter, weil nicht bloss noch Zweitresidenz reicher US-Amerikaner. 



Hier geht was, auch am Abend. Callejonadas sind von Musikern geführte Touren durch das nächtliche Guanajuato. Dazu gibt es Geschichten und natürlich – Tequila. Ursprünglich machten das mal die Musikstudenten. Leider ist es inzwischen kommerzialisiert, aber trotzdem noch immer eine Erfahrung wert. 

Am liebsten lassen wir uns jedoch einfach treiben durch die Gassen, vorbei an duftendem Streetfood, kleinen Läden, Märkten und uralten Kolonialbauten zwischen bunten Hausfassaden. 

Festivalflair im Wasserpark von Tolantongo 

„Da will ich unbedingt hin, schau Dir mal bitte das Wasser an!“, meine ich zu Fabi und zeige Internet-Fotos der Grutas de Tolantongo. Überzeugt. Der bergige Ritt in den Norden von México City ist lang und wir sind todmüde – auch weil ein kleiner Hund ständig quengelt. Leben und Reisen auf 5 qm mit Hundewelpen ist und bleibt eine Herausforderung. 



Entschädigt werden wir den nächsten morgen. Das Licht legt sich friedlich über den in türkis strudelnden Fluss an dem wir unser Auto parken. Also ab ins Wasser. Der Wasserfall mit den berühmten Grotten und die künstlich angelegten Steinterassen am Hang der Schlucht wollen wir am Nachmittag erkunden. Ein Fehler, denn es ist Wochenende. Plötzlich wird es immer voller. „Mensch gestapelt bekommt hier eine neue Bedeutung“, sagt Fabi missmutig. Da stehen die Nachbarzelte schon keine 2 Meter mehr von uns entfernt- Festival-Flair. Unser Ausflug zu den wunderschönen Terrassen läuft entsprechend mittel. Das Paradis platzt aus allen Nähten. 

Etwas enttäuscht trotten wir zurück zum Stellplatz. Da brennt keine 4 Meter vor unserem Auto ein Lagerfeuer. „Auch schon egal“, denke ich, als ich die Rauchschwaden ins Klappdach ziehen sehe. Aber unser deutsche Missmut wird jäh von mexikanischer Gastfreundlichkeit pulverisiert. 

Hóla. Es gibt Tacos, esst Ihr mit uns?“, fragt ein Junge aus der bunt gemixten Truppe ums Feuer. Kulturell bedingtes zögern hat keine Chance, freundlich werden wir in den Kreis aufgenommen und gemästet. Es schmeckt vorzüglich! 



Bis spät in die Nacht hinein sitzen wir am Feuer, erzählen von unseren Ländern, lachen über Unterschiede und finden Gemeinsamkeiten. Natürlich gibt es auch Cerveza und ohne mexikanische Lieder und Spiele wäre es nur halb so lustig gewesen. Danke, für diesen besonderen Abend chicos

Nachts fallen zwei wohlige Taco-Bäuche ins Bett. „Reisen statt Ferien“, denke ich glücklich kurz bevor ich einschlafe beim Rauschen des Flusses. 



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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Barbara

    … und immer wieder diese Farben.. Wahnsinn👌🏼👌🏼😘😘

    1. littleroadtrip

      Danke!! Ja, Motive und Farben in Mexiko machen Fotografieren fast zum Kinderspiel 🙂

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