Valladolid – I am the storm

Lesezeit: 5 Minuten

Erst ist es bloss angenehm kühl auf dem Campingplatz, aber dann setzt der Regen ein. Die ersten Äste krachen herunter. Ich öffne meine Sturm-App (ja, sowas hat man hier): Ein roter Kringel blink auf, er heisst Delta. Es ist ein saftiger Wirbelsturm über der Karibik und er steuert genau auf uns zu.


Kenn’ ich aus dem Fernsehen 

Wir sind verwöhnt. Eine Naturkatastrophe? Sowas passiert anderswo. Wann hast Du das letzte mal Deine Fenster mit Brettern vernagelt? Wie war das beim letzten mal als Du Dein Hab und Gut in eine kleine Tasche gepackt, Dich auf einen Militär-Pickup gesetzt und beim Wegfahren deine Hütte hast kleiner werden sehen, immer darauf hoffend, dass sie noch da sein wird wenn Du wiederkommst? Wir sind verwöhnte Europäer.

Bloss sind wir jetzt in Valladolid, einer kleinen Stadt in Yucatan, keine zwei Stunden entfernt von der mexikanischen Karibikküste. Und von Delta. 

Zuerst ziehen wir in die winzige Küche des Campingplatzes. Als der Strom kurz ausfällt, der Wind die wundersamsten Dinge zum Fliegen bringt und sintflutartige Regenfälle auch nach Stunden nicht abreissen, kapitulieren wir. „Vielleicht gehen wir mal besser ins Hotel“, sage ich zu Fabi. Der nickt schnell, als hätte er auf diesen Satz gewartet.

Wie geht nochmal Hurrikan?

Die Fahrt zum Hotelparkplatz gleicht einer Flussdurchfahrt. Die ersten Bäume sind umgefallen. Der Stadtpark sieht aus wir umgegraben, nach dem Motto: Wurzeln nach oben. Die Menschen kleben Fenster kreuzförmig mit Klebeband ab – die mexikanische Variante, wenn es an Holz oder Geld fehlt. Die Geschäfte schliessen, Touristen versuchen vergeblich noch etwas zu Essen an den vielen Marktständen zu kaufen, die jetzt alle einpacken. Aus dem Oxxo, der immer offenen, in ganz Mexiko allgegenwärtigen Kioskkette drängen sich Menschen mit Notrationen aus Chips, Nudelsuppen, Keksen und Wasserflaschen. Auch Klopapier ist wieder gefragt, aber das kennt man drüben ja. Ein Mann trägt einen noch verpackten Campingkocher aus dem Laden. 

Im Radio und bei Twitter laufen Anweisungen für den Fall eines mehrtägigen Strom-, Gas- und Wasserausfalles. Notrefugien werden durchgegeben, und ach ja, da war ja noch dieses Coronavirus…“Wir bitten Sie immer Abstand zu halten“, das dürfe man bei alledem natürlich nicht vergessen.

Nicht bloss ne’ steife Brise

„Ist natürlich auch scheisse hier mit den ganzen Bäumen“, brüllt mir Fabi zu, während wir draussen im donnerndem Tropenregen den Hotelparkplatz inspizieren. Gar nicht so einfach einen sicheren Platz für Emma, unser Reisemobil zu finden. „Und wenn das Dach da abliegt, sollen wir nicht doch da gegenüber…?“, schreie ich als wir schliesslich eine halbwegs baumferne Ecke gefunden haben. „Ja, keine Ahnung!“, kommt es zurück. Nass bis auf den letzten Fitzel Stoff gucken wir uns im Getose an. Es fühlt sich ein bisschen an wie Lotto spielen. 

Drinnen tobt es weiter. Auf dem Hotelbett mit Oxxo-Keksen und Kitkat schauen wir der Balkontür zu, wie sie aus den Angeln fliegt. Die Handtücher vor den Türschlitzen sind da schon durchnässt. „Keine Sorge, ich mach das schon“, meint Fabi. Mit neuen Schrauben aus Fabis Overlander Werkzeugkiste und meinem Schweizer Taschenmesser (danke Lena und Tobi) ist das Scharnier jetzt so fest wie wahrscheinlich nie zuvor. 

Immer wieder kracht es, der Wind heult, ich schaue aufs Handy: Hurrikan Kategorie IV (von V). Ich weiss nicht was das bedeutet. Ich kenne nur eine steife Brise.

Google sagt dazu: “Windstärke bis 251 km/h; katastrophale Schäden erwartet: Viele Häuser werden Dächer und Aussenwände verlieren, die Mehrheit der Bäume wird umstürzen und dadurch Wohngebiete von der Versorgung abschneiden. Der Stromausfall kann für Wochen oder Monate bestehen. Ebenso lange werden grosse Teile des betroffenen Gebietes unbewohnbar sein.”

Aber dann sagt google gar nichts mehr: Netzausfall.

Der Fernseher, tot. Telefon, tot. Dann geht das Licht aus. Es kracht nochmal, diesmal näher, irgendwie. Oder war das der Donner? Blitze im Sekundentakt, plötzlich flackert es und der Strom ist wieder da. 

Stunden später wird es leiser. Wie ein Tier das sich beruhigt aber immer noch lauert, fegen Sturmböen über unser Hotel. Neugier und eine gewisse Faszination treiben uns raus auf die Dachterrasse. Es stürmt immer noch wie sau. Dann sehen wir es. „Scheisse Fabi, guck Dir das mal bitte an“, rufe ich beim Blick auf den Hotelparkplatz im Innenhof. Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben, ist etwa…haben wir etwa…im Lotto verloren? 

Und die Superzahl ist…

Ein riesiger alter Baum liegt quer über dem Parkplatz und ist mit voller Wucht an die äussere Hotelwand gekracht und an ihr herumgerutscht. ‚Das war also der heftige Donnerschlag‘, denke ich. Wir sind sprachlos, haben so eine Naturgewalt noch nie gesehen, ausser vom Sofa aus. Fassungslos starren wir zwischen den aufgetürmten Wurzeln des Riesen hindurch. 

Und da steht sie, Emma, unser mobiles zu Hause: unversehrt und blitzblank gewaschen zwischen all dem Chaos als würde es sie nichts angehen. Puh, Glück gehabt! 

Dankbar 

Noch Tage später werden wir in den Nachrichten hören und auf Landstraßen sehen, was der Hurrikan angerichtet hat. Überschwemmungen, Erdrutsche, Sturmschäden, Versorgungsengpässe, Menschen die ihr zu Hause verloren haben und in Zeiten von Corona nun in einer Notunterkunft sitzen: Denn, oft trifft es leider gerade diejenigen die ohnehin nicht viel besitzen. 

Glücklicherweise hatte sich Delta relativ schnell abgeschwächt, sodass die zeitweise befürchtete ganz grosse Katastrophe ausblieb. Und dennoch, wir sind dankbar, alles gut überstanden zu haben. Und wir lernen einmal mehr, wie wenig selbstverständlich das eigentlich ist…

Noch während ich das hier schreibe, zieht mit Iota der zweite verheerende Hurrikan innerhalb von 14 Tagen über Nicaragua und Honduras. Dies ist die schlimmste Hurrikan-Season im Atlantik seit Aufzeichnungsbeginn. Schuld daran ist die stetig zunehmende Wassertemperatur des Ozeans. Klimakrise zum Anfassen! Wann beginnen wir umzudenken?

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Martin Costa

    Sehr schön geschrieben, es ist fast so als ob ich neben Euch sitzen würde . Naja, ich lebe mit meiner Familie in Playa del Carmen, ist also fast neben Euch. Ich finde es trotzdem immer sehr interesant wie andere Reisende meine Umgebung hier erleben. Weiterhin noch viel Glück und gute Reise, wenn ihr Hilfe braucht sagt ihr Bescheid.

    1. littleroadtrip

      Lieber Martin,

      das freut uns sehr, dass du auch als local Freude an unseren Texten hast. Ja, diese Episode war speziell für uns…
      Aber zum Glück ist die ja glimpflich ausgegangen. Aktuell sind wir in den Bergen von Oaxaca – auch super schön hier! Zur Zeit alles prima, aber vielen Dank für dein Angebot.

      Saludos nach Playa

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