Méxicos Norden – das Abenteuer beginnt

Lesezeit: 7 Minuten

#beforecorona

„Jetzt geht es so richtig los!“, meint Fabi. „BIENVENIDOS A SONORA“, steht auf dem Verkehrsschild (Willkommen in Sonora). Anspannung und Vorfreude prickeln wieder im Bauch. Während die Pensinsula Baja California noch stark US-amerikanisch geprägt ist (manche sprechen von „México light“), beginnt für viele hier das wahre Abenteuer México. Für uns startet gleich noch eins dazu…


Yumi

…denn wir reisen ab jetzt zu dritt. Unsere neue mexikanische Reisebegleiterin ist ein kleiner Australian Shepherd von der Rancho la Bellota. Wie wir auf den Hund gekommen sind wissen wir eigentlich selbst nicht genau. Nur so viel: Es war nicht geplant. Gar nicht. 

Aber nachdem wir ein paar Tage auf Raúls Ranch zum Beispiel damit verbringen mit 10 kotzenden Hundewelpen im Kofferraum zum Impfen zu fahren, ist es irgendwie um uns geschehen. Plötzlich geht es nicht mehr ohne die eine, die Kleinste von allen, Yumi. „Ich glaube sie hat sich uns ausgesucht“, sage ich zu Fabi mit dem winzigen Fellkneul auf dem Beifahrersitz.

Da liegen so einige emotionale Stunden des Hin und Hers hinter uns. Denn natürlich haben wir uns Gedanken gemacht, ist ja kein Hamster (Nichts gegen Hamster, hatte selbst zwei, aber Du weisst schon…). Manchmal kommen die Dinge im Leben jedoch anders als man denkt, oft sogar. Und beim Reisen ohnehin, da ticken Kopf und Bauch plötzlich nach einem anderen Beat. Also umdrehen, 4 Stunden offroad zurückfahren, Hund einpacken und weiter, ins Abenteuer zu dritt.



„Das Auswärtige Amt rät von Reisen in diese Region dringend ab.“

Wer einen Roadtrip durch Méxicos Norden unternehmen und sich online informieren möchte, der schluckt erstmal. Auch uns geht das so, liegt die geplante Strecke doch fast gänzlich im roten Bereich. Und rot ist nie gut auf Karten. Neben der Grenzregion zu den USA (Sonora) sollte es bei dem Bundesstaat Sinaloa bei dem ein oder anderen klingeln. Berüchtigte und nicht zuletzt durch Netflix und Co. verklärend in Szene gesetzte Drogenkartelle nennen diese Region ihr zu Hause. 

Zum Glück haben wir von Raúl wieder reichlich Tipps für unsere Tour entlang dieses Küstenabschnitts bekommen. Er ist schon zig mal dort mit der Familie Ferien machen gewesen. Die Region ist nämlich wunderschön. Das beruhigt. Uns selbst, aber auch Familie und Freunde in Europa. 

Die Devise lautet:

  • Niemals nachts fahren. Immer grosse Strassen, am besten die Cuota (zahlungspflichtige Autobahn) nehmen.
  • Unter keinen Umständen in die Berge fahren.
  • Übernachtet wird nur auf ausgewählten Camping- oder Hotelparkplätzen oder (notfalls) Pemex-Tankstellen.
  • An Roadblocks (semiprofessionelle Strassensperren, teils mit Seil, Krähenfüssen oder Übernahme einer offizieller Mautstation; oft durch ärmere lokale Bevölkerung als Einnahmequelle genutzt) nie gross verhandeln sondern zahlen. 

Snowbirds

Die roten Karten im Kopf verschwinden dann ziemlich flott als wir in Puerto Peñasco zwischen duzenden US amerikanischen Campern zum Stehen kommen. Die Snowbirds überwintern hier oder bleiben gleich ganz. Alles ist sehr entspannt.

Wir können uns kaum retten vor Besuchern. Neben dem Auto ist Yumi jetzt Eisbrecher Nummer eins. Wenn wir Geld fürs „Nur-Einmal-Streicheln“ nehmen würden…Für sie ist alles neu, und für uns irgendwie mit. Das erste mal Strand, Meer und das erste Bellen im Dunkeln. Wir sind ganz entzückt, obwohl wir nachts ständig mit ihr raus müssen.


Wer findet Emma?

Nächster Halt für uns ist Bahia de Kino. Ein Maschendrahtzaun trennt uns vom fast menschenleeren weissen Strand. Ein paar Locals suchen im seichten Wasser nach Austern. Die gibt es hier in jeder Plastik bestuhlten Strandbar, frisch statt fancy

Tagsüber kommen manchmal Bettler an unseren Campingplatz. Es sind Bettler, die nicht betteln. Meist verkaufen sie Kleinigkeiten, die niemand braucht. Manche haben noch nicht einmal das. Einer von letzteren sitzt in einem klapprigen Rollstuhl. Er ist mittelalt und hat keine Beine. Seine Kleidung und ein paar Plastiktüten scheinen sein ganzer Besitz zu sein. In México gibt es keine Sozialhilfeleistung. 

Ob wir wissen wie die Insel da drüben heisst und welche Geschichte man sich über sie erzählt, will er wissen. Nein, wir haben keine Ahnung. Er bettelt nicht, er erzählt. Dafür bezahlen wir ihn. 



Später sehen wir ihn in der Ferne am Strand. Er bewegt sich Richtung Wasser. Sein ganzer Besitz steht ein paar Meter entfernt im tiefen Sand, unfassbar wie er den dort hinbekommen hat. Auf seinen Stümpfen und mit kraftvollen Armbewegungen badet er im Meer. „Von hier sieht er fast glücklich aus“, meint Fabi. „Mh, finde ich auch“, stimme ich zu. Und wir gucken ihm noch eine Weile zu, ein bisschen melancholisch.

Kupferschlucht – fast

Über Guaymas fahren wir weiter nach El Fuerte. Dort wartet DIE Touristenattraktion in Méxicos Norden (in gängigen Reiseführern gleichzeitig auch die einzige) – die Kupferschlucht. 

Diese Gebirgsformation der Sierra Madre ist insgesamt viermal so groß wie der Gran Canyon: Ca. 25.000 km² und bis zu 1800 m tief. Hier leben die Tarahumara (Indigenas), die für Kunsthandwerk und Langstreckenläufer bekannt sind (Rarámuri; ‚Jene, die schnell laufen‘). Erleben kann man Kultur und Gebirge mit dem Zug, dem El Chepe

Auch wir wollen den El Chepe nehmen, von El Fuerte soll es losgehen. Die Ticketsuche endet ernüchternd: Hunde verboten. Wir sind enttäuscht. 

Die Besitzerin des Campingplatzes fragt was los ist. Gute Schauspieler sind wir definitiv nicht. „Lasst den Hund doch hier. Meine schlafen auch hier draussen, kein Problem“, bietet sie an. Als Yumi um die Ecke lugt korrigiert sie sich: „Oh, die ist aber noch sehr klein.“ Bei nächtlichen 3 Grad einen 9 Wochen alten Welpen draussen schlafen zu lassen- äh nein. 

Zähneknirschend schauen wir zumindest El Fuerte an. Der Stadtkern ist historisch und gehört zurecht zu den Pueblos Mágicos (‚Magischer Ort‘) Méxicos.

An der mit Palmen bepflanzen Plaza machen wir Eispause. Yumi ist platt: Die Hitze, die Eindrücke, die 20 Minuten Fussweg. „El Chepito“, steht an einer Minieisenbahn mit der Kinder um die Plaza tuckern können. Ich mache ein Video. „Näher werden wir dem richtigen El Chepe nicht kommen“, sage ich zu Fabi. Der findet meinen Witz so mittel. Wir probieren uns noch durch sämtliche Essenstände dann geht es weiter durch Sinaloa.



Lächeln und Winken

Riesige Farmen fliegen an der Autoscheibe vorbei. Die Vegetation wird immer grüner. Die Cuota ist  leer. Wir lächeln recht freundlich und werden durch ein paar Militär- und Polizeistützpunkte durchgewinkt. An einem etwas sonderbaren Kontrollpunkt müssen wir aber raus. Und nur wir. Einheimische Kennzeichen düsen davon. Wir wissen nicht recht wer hier was kontrolliert. 

In zivil gekleidete Männer und paramilitär anmutende Vorgesetzte filzen unser Auto. Und zwar gründlich! Aber wieder einmal bewirken ein paar spanische Worte Wunder. Und Yumi scheint auch Herzen harter Jungs anzutauen. Sie lassen uns ziehen. Später entdecke ich einen Eintrag in IOverlander zu diesem eigenartigen Stützpunkt. „Die haben denen teils 200 Dollar Strafen aufgebrummt für angebliche Verfehlungen“, sage ich zu Fabi. Da haben wir aber schon ein viel grösseres Problem: Yumi muss mal und zwar JETZT! Aber wo halten? Und dann ist es auch schon passiert…

Tempolimit Welpe

Reisen und Leben auf 5 qm ist schon zu zweit eine Herausforderung. Mit einem Hundewelpen wird es noch spannender: Alle 2-3 Stunden Pinkelpause (auch nachts!), sonst gehts aufs Polster. Und das entwickelt ein ausgiebiges Aroma auf engem Raum! Alles wird probeweise mal angenagt- ist ja auch so schön erreichbar im Auto. Bellen üben nachdem man schon 5 Stunden Auto fährt. Und gefüttert wird vier mal täglich, klar. Auf einem Roadtrip durch Sinaloa kein Ponyhof: Einfach mal so anhalten? Schwierig. Raststätten mit Rasen? Äh witzig. 

Wir finden uns auf so manch abgefucktem „Seitenstreifen“ zwischen Plastikmüll und Essensresten beim Gassigehen wieder. Ich weiss nicht wie viele alte Hühnerknochen wir aus Yumis Maul gepult haben. Da hilft auch kein: „Bah!“

Ich muss manchmal an den doofen Hausmeister Krause denken: „Alles für den Dackel, alles für den (Dackel)Club.“ So süss Yumi auch ist, wir sind zunehmend desillusioniert, fetzten uns mehr und vermissen gleichzeitig unsere Zweisamkeit. Und müde sind wir…oh ja! Die Themen drehen sich um Poo und Pipi statt Playas und Pyramiden. Wir reisen deutlich langsamer und sehen weniger. Haben wir uns das so vorgestellt? 

Nayarit – It’s getting Tropical

Wir erreichen die Tropen an Nayarits Küste und landen in einem Paradis aus Palmen, riesigen Rasenflächen, Pools und Meer. „Glamping (Glamourous Camping)!“, rufe ich Fabi zu, glücklich seit langem wieder auf einer gepflegten Anlage zu nächtigen. 

Wir nehmen uns Zeit, das Tempo bewusst raus. Und merken, wie gut uns das tut. Allen. Wir kommen ein bisschen an und runter. Am Anfang unserer Reise haben wir oft so viele Eindrücke in kurzer Zeit gesammelt, dass der Kopf nicht mehr hinterherkam. Prozessor überlastet. Auch jetzt passiert das noch zu oft. Denn wir machen nicht ein paar Wochen Ferien –  wir sind Reisende. 

Mit der Zeit merken wir, dass Yumis Tempolimit auch unseren Köpfen hilft. Die Bilder im Kopf rücken langsam näher an die Gegenwart heran. Der Arbeitsspeicher hat wieder Platz frei. 



Crowdsurfing in Sayulita 

Friedlich schlängelt sich die Strasse durch tropischen Wald, Verkehrsschilder warnen vor Jaguaren. Dann plötzlich, Szenenwechsel: Golfcaddy-artige Mobile kutschieren Touristen durch die engen Strassen Sayulitas. Am Strand findet man Mensch gestapelt. Auf dem Campground ist alles voll. Wir sind entsetzt nach zuletzt so viel Individualtourismus. 

Da kommt uns ein Opa entgegen, ihm gehört der Campingplatz. Er trägt eine weisse Strickweste mit Holzknöpfen. „Moin, Moin! Ihr seid also aus Hamburg!“, sagt er in feinstem Hamburger Dialekt. „Jo, sind wir“, antwortet Fabi überrascht. „Na dann wartet mal, die eine Parzelle hier kann ich frei machen für Euch, Ehrensache.“ Wir bedanken uns herzlich. Auch indem wir anschliessend über eine Stunde mit ihm über Früher quatschen anstatt in die perfekten Surfwellen zu springen. Deretwegen sind wir hier, Sayulita ist einer der besten Anfänger-Surfspots Méxicos.

„Aber es war ja auch nicht alles schlecht!“

Als ich (sehr viel) später von der Gassi-Runde wiederkomme hängt Fabi immer noch fest beim Opa. Ich will ihn grad retten, da höre ich den Alten sagen:“Aber es war ja auch nicht alles schlecht!“ Ich stutze, weiss schon was gleich kommt: Die Autobahnen… Tatsächlich, der Opa ist 1945 ausgewandert, da Deutschland ab dann nicht mehr sein Land war. Fabis Gesicht sieht jetzt aus als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Was für ein Idiot, der alte Nazi“, denke ich, „dem müsste man mal so richtig die Meinung geigen. Aber ohne den haben wir keinen Platz für die Nacht…“ Ich beneide Fabi nicht. Der Alte tattert glücklicherweise nun von selbst davon- die Prostata macht Druck. Wir schütteln nur wortlos die Köpfe und dann alles ab, beim Bad in den Wellen. 

In den nächsten Tagen gewöhnen wir uns langsam an die nächtliche Dauerbeschallung mit David Guetta und an die pseudo-alternative Touristenklientel. Die Surfbedingungen sind wirklich einmalig! Kein Reingezwänge in den Neoprenanzug, einfach Board schnappen und ab ins warme Wasser.

Nach ein paar Tagen setzt ein Seeigel den vorläufigen Schlussstrich unter mein tägliches Surfprogramm. Ein Zeichen. Nach Wochen am Meer verlassen wir die Küste Richtung zentrales Hochland. 



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Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Barbara

    Soooo schöne Bilder.. und dass Yumi ein Eisbrecher ist, das steht ihr schon ins Gesicht geschrieben.. das Leben hält so manche Überraschungen bereit😘

    1. littleroadtrip

      Danke!!! Das stimmt…Eisbrechergesicht 😉

  2. Gabriele Christ

    Berichte und Fotos sind mal wieder mehr als großartig und interessant, bin total begeistert und in Gedanken dabeigewesen.
    Danke dafür und ich drücke Euch die Daumen, dass ihr bald weiterfahren könnt.
    Bleibt gesund und optimistisch im schönen Mexico.
    Muchos saludos
    Gaby

    1. littleroadtrip

      Hola Gaby

      Gracias por su amable comentario. Wir halten es hier ganz gut aus, lernen fleissig Spanisch und geniessen die Auszeit vom Reisen, so gut wir können.

      Liebe Grüsse!

  3. Petra Brickwedde

    Sehr schöner Reisebericht.
    Euer Fellknäul wir auch älter und dann gibt er Euch soviel Vertrauen und Zuneigung zurück , das ihr die anstrengende Welpenzeit schnell vergesst..
    Viel Spass weiterhin

    1. littleroadtrip

      Liebe Petra,

      danke für dein Lob, das freut uns sehr. Ja, die Welpenzeit…aber Du hast Recht, schon jetzt mit ein paar Monaten mehr ist es viel entspannter und macht grosse Freude mit der kleinen frechen Yumi. Charakter ist ja immer gut 😉

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